Ich bin eine Baumeisterin.

Alte Bausubstanz mit innovativen Techniken zu erhalten und ein respektvoller Umgang auf der Baustelle – das ist für mich Baukultur.

Renate Scheidenberger, Baumeisterin und Expertin für Baukultur

Ich bin eine Baumeisterin.

Renate Scheidenberger, Baumeisterin und Expertin für Baukultur

Bauen als Ausdruck gesellschaftlicher Kultur

Renate Scheidenberger

Baumeisterin Renate Scheidenberger war schon früh von Architektur und alter Bausubstanz begeistert. An der HTL Krems hat sie in Bautechnik, Restaurierung und Ortsbildpflege maturiert und später die Baumeisterprüfung abgelegt. In weiterer Folge hat sie in namhaften Büros bei zahlreichen Projekten mitgearbeitet, u.a. bei den Restaurierungsarbeiten und der Bestandssicherung bei den Ausgrabungsarbeiten in Troja, beim Hoffmann-Bau in Purkersdorf bei Wien, oder am Toleranzhaus am Fleischmarkt im ersten Wiener Gemeindebezirk.
Seit 2002 ist sie mit ihrer Firma BAUKULTUR selbständig und vereint bei ihren Projekten Funktionalität mit Ästhetik. Als Partnerin für Architekten, private und öffentliche Auftraggeber realisiert sie individuelle Baulösungen auf hohem Niveau und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Baukultur. Ihr privates Interesse gilt der bildenden Kunst, in ihrer Freizeit hält sie ihr Hund Mimi auf Trab.

Warum sind Sie Baumeisterin geworden?

Weil mich alte Bausubstanz interessiert hat und weil ich es faszinierend gefunden habe, alte Bauwerke mit neuem Leben zu versehen, aus einem heruntergekommenen alten Gebäude wieder ein tolles Projekt nach heutigem Standard zu machen.

Wie sind Sie als Baumeisterin darauf gekommen, sich so sehr auf das Thema Baukultur zu konzentrieren? Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe unter Baukultur zum einen den respektvollen Umgang mit alter Bausubstanz und zum anderen den Umgang miteinander. Also einerseits die Baukultur, andererseits aber auch die Umgangskultur. Ich habe in meiner Zeit als Bauleiterin oft erlebt, dass Handwerker und Arbeiter meines Erachtens zu wenig Wertschätzung bekommen haben. Als ich mich selbständig gemacht habe, habe ich mir bewusst den Firmennamen Baukultur gegeben – mit dem Anspruch, es in beiden Bereichen besser zu machen.

Besteht nicht oft die Gefahr, dass die Baukultur dem Kostendruck zum Opfer fällt?

Wir unterliegen natürlich immer einem großen Kostendruck und der erste Punkt, der gestrichen wird, sind dann oft optisch ansprechende oder technisch kostenintensivere Elemente. Aber wir versuchen so gut es geht,  anspruchsvolle Werke zu liefern. Ich sage immer, es gibt auch eine optische Verschmutzung; der versuchen wir doch, gegenzusteuern.

Baukultur und Baukosten sind meines Erachtens nicht immer ein Widerspruch. Da ist zum einen wie gesagt auch die Umgangskultur, die ohnehin kostenlos ist; die ist in Wahrheit eine Frage der Ethik, der Ehre. Und mit Geschmack ist auch oft kostengünstig ein sehr gutes Werk zu schaffen. Die Baukultur, generell die Baukunst, sollte deutlich mehr schon in die Planung und in die Ausführung integriert werden.

Wie lassen sich neue Technologien und Vorschriften – Stichworte Energieeffizienz, smart buildings - mit dem Wunsch nach Erhalt alter Bausubstanz in Einklang bringen?

Natürlich gibt es sehr hohe Anforderungen und neue moderne Mittel, denen wir gerecht werden müssen. Aber es hat erst vor kurzem eine Studie gegeben, wo z.B. das klassische Wiener Gründerzeithaus – natürlich saniert und auf zeitgemäßen Zustand gebracht  – und der Altbau mit seiner Substanz eine sehr, sehr gute Ökobilanz aufweisen, weil a) in der Stadt und kurze Wege, und weil b) hervorragende Bausubstanz in puncto Mauerwerk und Materialien, die verwendet wurden. Hier mit einer guten technischen Sanierung zu agieren, kann sehr klar den neuen Anforderungen gerecht werden. Technische Grundsätze und Anforderungen sind definitiv kein Hinderungsgrund, um Baukultur hochzuhalten.

Stichwort Umgangskultur: Als Außenstehender hat man das Gefühl, dass am Bau ein ziemlich rauer Ton herrscht. Wie sehen Sie das?

Ich habe den Eindruck, in den 30 Jahren, in denen ich diesen Beruf machen darf, hat sich der Umgangston deutlich verbessert. Und es ist der Fokus auch dahingehend ein anderer, dass wir sagen, es geht einfach nur miteinander. Wenn ich z.B. bei Gleichenfeiern eine kurze Rede halten darf, beginne ich immer mit den Arbeitern, weil die für mich auf der Baustelle die Allerwichtigsten sind und Hitze trotzen, Kälte trotzen, schwerste Arbeit leisten. Denen gebührt ein riesengroßer Respekt.

Sie arbeiten in einer Männerdomäne. Spielt das Geschlecht bei Ihrer Arbeit eine Rolle?

Es wäre gelogen, wenn ich sage: Nein. Wobei – auf mich bezogen darf ich fast sagen: Nein. Ich kann aus 30 Jahren Berufstätigkeit keine Posse erzählen, wo ich sagen könnte, ich hätte den Auftrag nicht bekommen, weil ich eine Frau bin. Ich habe diesen Beruf immer ausgeübt, weil ich ihn gerne mache und eigentlich nie mit dem Gedanken, bin ich Manderl oder Weiberl. Kompetenz und Erfahrung sind definitiv wichtiger als das Geschlecht. Und ein Mann, der auf der Baustelle nichts kann, wird genauso zurechtgewiesen wie eine Frau. Das sehe ich vollkommen geschlechtsneutral.

Welche Fähigkeiten muss eine Baumeisterin heutzutage mitbringen, besonders vor dem Hintergrund der viel diskutierten Digitalisierung am Bau? Hat das Berufsbild des Baumeisters noch etwas mit Handwerk zu tun?

Man sollte Vielseitigkeit mitbringen. Man sollte kommunikationsfähig sein. Man sollte lösungsorientiert sein. Man sollte die Technik lieben. Und vor allem sollte man auch die Menschen lieben. Alles, was wir machen, alle Gebäude, alle Wohnungen sind ja eigentlich die zweite Hülle des Menschen. Da braucht es einen hohen optischen Anspruch und dafür braucht es definitiv Handwerk. Die Digitalisierung beeinflusst, aber eher im Bereich der Effizienz. Sie hilft bei der Planung, bei der Bauvermessung, im Bereich der Aufzeichnungen, bei der Abrechnungen und bei der Kontrolle. Aber das Handwerk, das handwerkliche Können nimmt sie Gott sei Dank nicht ab.

Wie ordnen Sie das Image des Baumeisters in der Öffentlichkeit ein?

Ich glaube, es ist generell nicht bekannt, was wir als Baumeister alles lernen und alles können müssen und welche Befugnisse wir eigentlich haben. Ich darf als Baumeisterin planen, ich darf statische Berechnungen machen, ich darf einen Bau leiten, ich darf einen Bau umsetzen mit eigenen Handwerkern, ich darf managen. Und für all diese Dinge bedarf es einer hohen Kompetenz und einer hohen Verantwortung.

Ich halte das Geschlecht in unserem Beruf nicht für wesentlich. Ausschlaggebend sind Engagement, Fachkompetenz und Lösungsorientierung in der Projekt- und Problembearbeitung.

Renate Scheidenberger

Was kann man von den Baumeistern der Vergangenheit lernen?

Von den Baumeistern der Vergangenheit kann man definitiv lernen, dass sie einen guten Blick für das Schöne hatten. Und das würde ich mir für die Zukunft wieder mehr wünschen.

Braucht es in der Zukunft eigentlich noch Baumeister oder macht das dann alles die Technik?

Ich wünsche mir ein klares Ja. Weil es jemanden geben muss, der auf den Menschen aufpasst. Unsere Aufgabe ist es, mit Menschen gemeinsam ein Projekt umzusetzen, mit Menschen, für Menschen. Hier nur die Maschinen zu bedienen oder den Maschinen zu sehr freien Lauf zu lassen, sehe ich nicht so positiv, muss ich gestehen. Den Menschen und den Baumeister wird es immer brauchen. Für den Baumeister der Zukunft wird wichtig sein, dass er sich vor diesen Technologien, die auf uns zukommen, nicht verschließt. Ich denke, das ist ganz wesentlich für das Überleben, dass er offen bleibt und dass er vor allem – ich wiederhole mich jetzt – das Thema Mensch und das Thema Natur nicht vergisst.

Ihr persönlicher Wunsch für die Zukunft des Gewerbes?

Ich wünsche mir, dass wir mehr auf die Kultur achten, mehr auf Schönheit achten, mehr auf gute Qualität achten. Und ich habe schon erwähnt: den Menschen und die Natur achten.

Bmst.in Ing.in Renate Scheidenberger, MSc

Geschäftsführende Gesellschafterin BAUKULTUR - Management am Bau

Werdegang

1988

Matura am BG/BRG St. Pölten

1990

Matura an der HTL Krems für Bautechnik, Restaurierung und Ortsbildpflege

1997

Baumeisterprüfung

2002

Gründung der Bmst. Ing. Renate Scheidenberger GmbH, BAUKULTUR - Management am Bau

2004

Master of Science für Baumanagement und Unternehmensführung

2009

Beginn der Ausbildung zur gerichtlich beeideten Sachverständigen und MSc für internationale Immobilienbewertung (IREV)

2019

Beteiligung und Geschäftsführung green & fair development Gmbh, Bauträger

2020

Übernahme der Geschäftsführung Smart Construction Austria GmbH

Mitglied der BM-Landesinnung Wien